Deutschland

Stadt Chemnitz soll Bunkerbaupionier werden

Warum ausgerechnet diese Stadt gewählt wurde, bleibt unklar. Hat sich Chemnitz freiwillig beworben? Oder hat es das kürzeste Streichholz gezogen? Jetzt jedenfalls soll dort nach möglichen Zivilschutzbunkern gesucht werden, für die "Kriegstüchtigkeit".
Stadt Chemnitz soll Bunkerbaupionier werden© Urheberrechtlich geschützt

Vier Jahre nach der lautstark verkündeten Zeitenwende soll nun, das berichtet die sächsische Lokalpresse, erstmals in einer Stadt geprüft werden, wie viele geeignete Gebäude es denn gibt, um sie in Zivilschutzbunker umzuwandeln, und neben Bonn sei Chemnitz der gewählte Standort.

Bonn nimmt in dieser Hinsicht eine Sonderstellung ein, denn schließlich war es zur Zeit des Kalten Kriegs die Bundeshauptstadt mit allen Ministerien. Selbst bei gröblicher Vernachlässigung dürften da noch einige Bauten übrig geblieben sein.

Eine Sprecherin der Stadt Chemnitz erklärte, man werde "zunächst in zwei Ortsteilen mit der Erfassung öffentlicher Zufluchtsräume beginnen", benannte aber nicht die betroffenen Ortsteile. Ein wenig Recherche zu den örtlichen Stadtvierteln lässt aber zwei davon als besonders geeignet erscheinen: Kaßberg und Fritz Heckert.

Auch wenn der SPD-Politiker Jens Kabisch erklärte, "Schutzräume aus früheren Zeiten haben, sofern überhaupt vorhanden, eher musealen Charakter" ‒ Chemnitz mag da nicht so gut ausgestattet sein wie Bonn, aber es gibt durchaus einige alte Anlagen. Neue zu errichten dürfte eher utopisch sein.

Da sind zuerst einmal drei Bunker aus den Jahren 1960 bis 1965 nach dem Modell Schutzbauwerk 200 mit einer Nutzfläche von je 230 Quadratmetern. Alle drei befinden sich in Kaßberg.

Und dann gibt es eine Reihe von Vierteln, in denen viele Bauten stehen, die nach dem Wohnungsbausystem 70 (WBS 70), dem seriellen Plattenbausystem der DDR, errichtet wurden. Besonders viele davon finden sich im Stadtteil Fritz Heckert. Dabei wurden diese Anlagen bereits so gebaut, dass ein Teil der Gebäude eine verstärkte Kellerdecke, Überdruckventile und verstärkte Stahltüren besaß. Aus diesem Grund dürfte dort das zweite Viertel liegen, das untersucht wird.

In einer Erklärung des Innenministeriums heißt es zum Pilotprojekt: "Es sollen zunächst die Identifizierung und Sichtbarmachung geeigneter öffentlicher Zufluchtsräume in der NINA-Warn-App umgesetzt werden."

2029 will die Bundesregierung schließlich "kriegstüchtig" sein. Aktuell weiß man aber noch nicht einmal, nach welchen Kriterien vorhandene Gebäude untersucht werden sollen. "Es brauche einheitliche Prüfkriterien, klare Zuständigkeiten sowie eine gesicherte Finanzierung für alle nötigen Schritte von der Begutachtung bis zur Unterhaltung der Räume", erklärte dazu laut Sächsischer Zeitung die Stadt Leipzig. Sicher scheint davon bisher nichts zu sein.

Die reine Entdeckung möglicherweise geeigneter Räume hilft noch nicht wirklich. Dann müssten sie umgebaut werden, es bräuchte nicht nur Belüftung, sondern auch Wasser- und Stromversorgung, Abwasserentsorgung und vieles mehr. Aber die Finanzierung ist besonders unklar, so die Sächsische Zeitung: "Noch im Winter wurden Fördermittel für die Grundausstattung in Aussicht gestellt, im Juni zurückgenommen. Eigenes Geld plant keine der befragten Kommunen ein."

Eigenes Geld dafür hätten die Kommunen mittlerweile beinahe flächendeckend ohnehin nicht ‒ die Defizite in den kommunalen Haushalten haben im vergangenen Jahr Rekordhöhen erreicht. Aber nicht einmal das Pilotprojekt scheint mit den erforderlichen Mitteln ausgestattet zu sein.

Ein Detail, das zu denken geben sollte ‒ schließlich wäre es, ginge man tatsächlich von einer Bedrohung auf eigenem Gebiet aus, der Schutz der eigenen Bevölkerung, der Vorrang vor der Aufrüstung oder gar der Lieferung von Waffen an Drittstaaten haben sollte.

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